Gender Studies als kritische Wissenschaft

Warum gibt es eigentlich diesen Blog und warum betreiben wir Geschlechterforschung? Auch wir wollen anlässlich des Aktionstages #4genderstudies am 18. Dezember 2017 erläutern, wozu wir arbeiten und forschen und warum es sich bei den Gender Studies um eine Wissenschaft handelt.

Wir lehren und forschen in einem interdisziplinären Fachbereich, in dem die Studiengänge Elektrotechnik, Maschinenbau und Technikjournalismus angeboten werden. Die angehenden Technikjournalistinnen und –journalisten sollen lernen, Technik multimedial und gut verständlich zu vermitteln. Zugleich erwarten wir von ihnen eine kritische Begleitung neuer technischer Entwicklungen. Sie sollen ihren Userinnen und Usern dabei helfen, die Bedeutung künstlicher Intelligenz für die Gesellschaft einzuschätzen, aber auch erklären, wer wieviel Geld in welche technischen Entwicklungen investiert und welche Interessen damit verbunden sind.

Die Gender Studies helfen mit ihrem analytischen und kritischen Blick dabei, genau diese Fragen zu stellen und zu beantworten: Exemplarisch für viele andere Kategorien, die unsere Gesellschaft strukturieren, zeigen sie: Nicht jede technische Entwicklung kommt gleichermaßen Jungen und Alten, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen oder Männer und Frauen zugute. Und diejenigen, die Forschungsgelder in Technik investieren, tun dies nicht immer zum Wohle aller Mitglieder einer Gesellschaft.

Auf einer pragmatischen, durchaus wirtschaftlich nutzbaren Ebene können die Gender Studies aber auch dabei helfen, Deutschland innovativer zu machen und das Potenzial und die Ideen von Frauen dabei zu nutzen. Und das ist nötig: An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studierten im Wintersemester 2016/17 im BA-Studiengang Elektrotechnik 7,6 Prozent Frauen und im Maschinenbau 10,3 Prozent. Laut einer OECD-Studie von 2015 können sich lediglich 15 Prozent der Eltern in Deutschland für ihre Tochter einen Ingenieurberuf vorstellen. Dagegen sehen 40 Prozent in ihrem Sohn den Ingenieur in spe. Aber auch zu den Leser/-innen der Zeitschrift Technology Review zählen nur 10 Prozent Frauen und unter den zehn angesagtesten deutschen Technik-Youtubern gibt es nur ein Team, das aus einer jungen Frau und einem jungen Mann besteht. Die anderen neun Kanäle, die der Corporate Blog Magix im Juli 2016 vorgestellt hat, werden von jungen Männern produziert.

Mit Hilfe der Gender Studies fragen wir, warum Technik in Deutschland immer noch überwiegend mit Männlichkeit konnotiert wird und sich dies auch in der Mediennutzung widerspiegelt. Wir analysieren die Technikberichterstattung deutscher und internationaler Medien und fragen, welche Technikbilder hier vermittelt werden.

In Lehrforschungsprojekten entwickeln wir Ideen für eine Technikberichterstattung, die Technik nicht nur in „männliche“ Lebenszusammenhänge, sondern genauso in „weibliche“ einbettet. Dabei verstehen wir „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ als Kategorien, die ständigen Verschiebungen und Veränderungen unterliegen und nicht essentialistisch festgelegt sind. Ein Beispiel sind unsere Fotoreportagen mit Ingenieurinnen. Unserer Studierenden haben sie mit der Kamera begleitet und nach ihrem Technikverständnis gefragt:

Zu den Fotoreportagen „So sehen Ingenieurinnen aus

/kim/ske

Was Frauen in MINT-Berufen wichtig ist

Aktuelle Auswertung internationaler Arbeitsmarktstudien

Eine gute Work-Life-Balance, der Abbau von geschlechtsspezifischen Gehaltsdifferenzen und Mentoring-Programme können dem Fachkräftemangel in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz MINT – entgegenwirken. Dies ist das Ergebnis einer Studie des amerikanischen Personaldienstleisters Kelly Services. Befragt wurden 164.000 Personen aus 28 Ländern zu Wünschen und Problemen von Frauen im MINT-Bereich.

Warum beenden Frauen ihre MINT Karriere frühzeitig? Laut der Studie sind ein Mangel an Mentorinnen und weiblichen Vorbildern, Rollenklischees und wenig familienfreundliche Arbeitsbedingungen hierfür ausschlaggebend. Fehlende weibliche Vorbilder seien vor allem für junge MINT-Interessentinnen bis zum Hochschulabschluss ein Hindernis. Der Frauenanteil in den MINT-Studiengängen 2015 in Deutschland lag bei 23 Prozent. Andere europäische Länder verzeichnen ähnliche Anteile an Studentinnen im MINT Bereich. Zusätzlich sei die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen mit einem MINT-Abschluss in der Branche arbeiten, niedriger als bei ihren männlichen Kollegen. Als Auslöser dafür nennt die Studie fehlende Unterstützung. Im fortgeschrittenen Berufsleben sind dagegen wenig familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein Hindernis. Auch fehlende Aufstiegschancen können ein Problem sein. Auf dem Höhepunkt der Karriere spiele vor allem die Isolation eine Rolle. Frauen in höheren Führungspositionen seien oft alleine unter ihren männlichen Kollegen.

Offenbar trauen sich Frauen in MINT Bereichen auch weniger zu als ihre Kollegen. So seien in Europa nur 56 Prozent der Frauen in MINT-Berufen von ihrem Marktwert überzeugt – im Gegensatz zu 67 Prozent der Männer. Weniger Selbstvertrauen haben vor allem Ingenieurinnen und Mitarbeiterinnen in den Life Sciences. Informatikerinnen und Mitarbeiterinnen in High Tech-Bereichen würden dagegen mehr Selbstvertrauen aufweisen.

Die Lösungsvorschläge der Autorinnen und Autoren der Studie: Wichtig sei vor allem eine gute Work-Life-Balance für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu zählten flexible Arbeitszeiten und erweiterte Optionen für die Elternzeit. Zudem sei es wichtig, geschlechtsspezifische Gehaltsdifferenzen abzubauen und klare, messbare Schritte auf dem Weg zu einer Beförderung zu kommunizieren. Auch könnten Mentoring-Programme und Patenschaften helfen, mehr Frauen auf dem Weg in die Führungsetagen zu unterstützen. Schließlich sollten Unternehmen ihre Stellenausschreibungen gendergerecht formulieren, damit keine Rollenklischees reproduziert werden.

Analysiert wurden Daten, die Kelly Services in eigenen internationalen Arbeitsmarktstudien in den Jahren 2014 und 2015 erhoben haben.

/dmi

Quellen:

Pressemitteilung von Life PR (02.08.2016): Eine neue Studie zeigt, wie der europäische Fachkräftemangel im MINT-Bereich durch eine inklusive Strategie behoben werden kann

Kelly Services: Report Frauen in MINT-Berufen

Grafik von: Kelly Global Workforce Index 2015, Kelly Services