Ein Wohnwagen fĂŒr Smudo

Laura Kampf – Die Makerin und Videoproduzentin als Referentin an der H-BRS

„Schon als Kind habe ich die Frage, was ich spĂ€ter einmal machen möchte, gehasst“, beschreibt Laura Kampf am 25. Oktober in ihrem Vortrag an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, wie sie zu dem gekommen ist, was sie heute macht. Mit 300.000 Abonnenten auf der Videoplattform Youtube ist sie eine der erfolgreichsten – wenn nicht sogar die erfolgreichste – „Makerin“ in Deutschland. Die britische Zeitschrift „The Spectator” schreibt ĂŒber sie: „If you want to know how to make an uncomfortable-looking chair, or a skateboard cargo rack for your bike, she’s your woman.“

FrĂŒher Heimwerker – heute „Maker“

Das „Beer-Bike“ – eine Sackkarre geschweißt an ein Fahrrad, der „Bit Safe“ – eine Halterung fĂŒr Akkuschrauber-Bits in einem ausgehöhlten Feuerzeug oder das „Festival-Bike“ – ein BMX-Rad mit Toilettenpapier-Halterung, Radio, Campingkocher, KĂŒhlbox und Flaschenöffner; Laura Kampf hĂ€tten manche vor einiger Zeit vielleicht als Heimwerkerin bezeichnet, heute bezeichnet man sie als „Makerin“.

Die so genannten „Maker“ bauen neue Dinge, meist indem sie alte Dinge umfunktionieren, umbauen oder miteinander verbinden. WĂ€hrend der Arbeit filmen sie sich und laden ihre Videos bei Youtube oder anderen Plattformen hoch. Auf die Frage, wieso ihre Videobeschreibungen und -titel immer auf Englisch sind, antwortet Laura Kampf, ohne lange zu ĂŒberlegen: „Ich möchte niemanden ausschließen, wenn jemand in Amerika meine Videos schaut, soll er sie genauso verstehen können wie jemand in Deutschland.“ Zudem sei die Maker-Community in Amerika bedeutend grĂ¶ĂŸer als hierzulande.

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„Du versuchst, Deinen Weg zu machen und ans Ziel zu kommen“

Zeitweise wohnte Laura Kampf in ihrer Werkstatt, stellte aber fest, dass es nicht sehr angenehm ist, morgens mit SĂ€gespĂ€nen in den Haaren aufzuwachen. Heute lebt sie in einem selbstgebauten Wohnwagen in Köln -selbst eines der grĂ¶ĂŸeren Projekte, das auf ihrem Youtube-Kanal zu sehen ist. Ihr Hund Smudo, dem sie kurzerhand ein kleineres Abbild ihres eigenen Wohnwagens gebaut hat, ist stets dabei. Als Kind habe man ihr oft gesagt „Mach‘ doch, was Du willst!“, weil sie in keine Schublade passen wollte. Ihr Abitur machte die heute 35-JĂ€hrige zum einen ihren Eltern zuliebe, zum anderen um noch ein paar Jahre Zeit zu haben, zu ĂŒberlegen, wie die Zukunft aussehen soll. Schon wĂ€hrend der Schulzeit jobbte sie in den verschiedensten Bereichen, aber nie konnte sie etwas so begeistern, dass sie es lĂ€nger als ein paar Monate machen wollte.

Anfangs wollte sie Cutterin werden, dann Kameraassistentin, schließlich landete sie in DĂŒsseldorf und studierte Kommunikationsdesign. Oft sah sie sich mit der Kritik konfrontiert, dass sie die Dinge, die sie anfange, nicht zu Ende bringe. „In Deutschland wachsen wir damit auf, immer alles planen zu mĂŒssen, das hat mich irgendwie gelĂ€hmt. In Amerika zum Beispiel ist es okay, auch mal etwas falsch zu machen oder etwas einfach mal gegen die Wand zu fahren. Ich sehe das Ganze gelassener, wie ein Spiel: Du versuchst, deinen Weg zu machen und ans Ziel zu kommen. Irgendwann wirst du richtig gut darin, zu scheitern und neue Lösungen zu finden“, sagt Laura Kampf und ruft die zuhörenden Studierenden dazu auf, Dinge einfach auszuprobieren und zu schauen, wohin sie fĂŒhren.

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TĂ€towiermaschine als Wendepunkt

WĂ€hrend ihres Studiums des Kommunikationsdesigns in DĂŒsseldorf belegte Laura Kampf ein Seminar in dem man „AlltagsgegenstĂ€nde“ kreieren sollte. Dort baute sie eine TĂ€towiermaschine. Danach war klar, was sie machen möchte, es fehlte nur noch das „Wie“. Auf der Suche also nach einem passenden Job, arbeitete sie an verschiedenen Stellen, die sie fachlich weiterbrachten und bei denen sie Zugang zu großen, bislang unbekannten Maschinen hatte. Schließlich suchte sie sich eine eigene Werkstatt und baute Möbel und Lampen. Dort stellte sie fest, dass sie nichts fĂŒr den breiten Markt machen wollte „Ich will geile Sachen machen und nicht die, die allen gefallen.“ So entstand ihr persönlicher Traum: „Ich wache morgens auf und habe eine Idee und gucke, wohin sie mich fĂŒhrt.“

Laura Kampf: TĂ€towierte Banane

Mit der selbstgemachten TÀtowiermaschine lassen sich auch Bananen tÀtowieren. Der Clou dabei: man braucht keine Farbe.

„Ich musste ins Internet“

Finanziell hielt sich Laura Kampf mit dem Verkauf von Lampen und mit RĂŒcklagen ĂŒber Wasser. Im Studium probierte sie einiges auf Youtube aus und stellte irgendwann fest, dass ihr der Kanal eine Jobchance bot. „Ich wusste, ich habe in der RealitĂ€t keine Chance, also musste ich ins Internet“, erzĂ€hlt sie. Ihr Logo und ihr heutiges Konzept standen relativ schnell, sodass sie gleich loslegen konnte. Dass die ganze Sache so groß werden wĂŒrde, damit habe sie nicht gerechnet. Nach einigen Monaten meldete sich der erste Sponsor bei ihr, sodass sie heute von ihrer Arbeit leben kann ohne ihre Ideen marktkonform umgestalten zu mĂŒssen. Jeder Partner sieht das fertige Produkt gemeinsam mit den 300.000 Abonnenten erst, wenn das Video online geht.

Die Kamera, meist auf einem Stativ befestigt, bedient sie selbst, auch das Schneiden der Videos ĂŒbernimmt sie als gelernte Cutterin selbst. In der Regel lĂ€dt sie jeden Sonntag ein neues Video von einem ihrer Projekte auf Youtube hoch, jeden Montag muss ihr dann etwas Neues einfallen. „Montags habe ich immer meine Blockade. Mittlerweile bin ich aber gelassener, irgendwann fĂ€llt mir immer etwas ein, manchmal erst mittwochs. Ich sage mir aber auch, dass es nicht das Ende der Welt ist, falls ich mal sonntags kein Video hochlade.“.

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Auf Laura Kampfs Youtube-Seite kann man sich inspirieren lassen.

Zusammenarbeit unter „Makern“

„Man sagt immer, man soll seine Kindheits-Helden nicht treffen, weil sie in der RealitĂ€t womöglich ganz anders sind, als man sie sich vorgestellt hat. Bei der Maker-Community trifft das definitiv nicht zu“, schildert Laura Kampf ihre Erfahrungen. Ihre persönliche Ikone ist Adam Savage. Der US-amerikanische Schauspieler, Modellbauer und „Maker“ wirkt seit 2012 an dem Youtube-Kanal „Tested“, der derzeit etwa 4 Millionen Abonnenten hat, mit. Mittlerweile haben er und Laura Kampf einige gemeinsame Projekte realisiert, beispielsweise eine tragbare Vorrichtung, um KlebebĂ€nder mit einer Hand abzurollen und ein StĂŒck abzureißen. „Ich bin mit sehr vielen Menschen in Kontakt getreten und die entstandene Community motiviert mich immer wieder“, beschreibt sie das VerhĂ€ltnis unter den „Makern“.

„Es wird immer Wege geben, Geschichten zu erzĂ€hlen“

Auf die Frage, wo sich Laura Kampf in der Zukunft sieht, hat sie eine klare Antwort. WĂŒrde es keine Plattform wie Youtube mehr geben, dann wĂŒrde sie eben einen anderen Weg finden, ihre Geschichten zu erzĂ€hlen. Mittlerweile hat sie ihre Person als eine Marke aufgebaut, die sie weiter stĂ€rkt. Sei es mit VortrĂ€gen wie diesem oder Projekten mit der Community. Wichtig sei fĂŒr sie, weiterhin unabhĂ€ngig zu bleiben. Gemeinsam mit einem Team zu arbeiten sei zwar schön, aber dadurch wĂ€re sie auch weniger flexibel: „Meine Videos leben davon, dass ich morgens aufstehe und Sachen mache, die mir einfallen.“ Konkurrenzgedanken habe sie dabei keine. Ganz im Gegenteil, je mehr Menschen mitmachen, desto stĂ€rker werde die Branche.

Ihren begeisterten Zuhörern gab sie mit auf den Weg, offen zu sein, fĂŒr Möglichkeiten, die sich bieten. Sie selbst werde die Frage, was sie einmal werden möchte, nie beantworten können: „Meine grĂ¶ĂŸte StĂ€rke ist, dass ich mich nicht auf eine Sache konzentrieren kann. Mir fallen immer neue Dinge ein und eine schlechte Idee kann am Ende auch irgendwie eine gute sein.“

Laura Kampf war eine der Vortragenden der Ringvorlesung zur Zukunft in der Technikkommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Im Wintersemester 2018/19 prĂ€sentieren jeden Donnerstag Medienprofis ihre Arbeitsfelder“.

publikum

Zum Schluss stellte sich Kampf den Fragen des Publikums.

/Text: Paulina Zacharias

/Bilder: Juliane Schneider/Nina Kim Leonhardt

Professorin Dr. Carmen Leicht-Scholten engagiert sich fĂŒr das Thema soziale Verantwortung von Ingenieurinnen udn Ingenieuren

Soziale Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren

Carmen Leicht-Scholten ist ganz in ihrem Element: Mit der nötigen Freiheit durch Headset und Laserpointer ausgestattet durchquert sie den Raum hinter dem Rednerpult von rechts nach links. Sie spricht engagiert und schnell. Immer wieder unterbricht sie ihren Vortrag durch Fragen an die angehenden Ingenieur/-innen und Technikjournalist/-innen der Hochschule Bonn-Rhein Sieg, nimmt deren EinschÀtzungen und Fragen auf und entwickelt so zusammen mit dem Auditorium das Thema ihres Vortrags: Die soziale Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

Damit lebt die Professorin der RWTH Aachen die zentrale Botschaft ihres Vortrags am 28. Juni quasi vor: Ja, Ingenieurinnen und Ingenieure haben insbesondere in einer Zeit, in der die Technik unser aller Leben immer mehr durchdringt, auch eine soziale Verantwortung. Dieser gerecht zu werden, ist aber gar nicht so schwer: Möglichst viele und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen sollten beteiligt werden, wenn etwa Ideen zu den FunktionalitÀten von Smart Homes entwickelt und erste Umsetzungen diskutiert werden.

EU-Konzept Responsible Research and Innovation

Mit ihren Thesen ist die Inhaberin der sogenannten BrĂŒckenprofessur fĂŒr Gender und Diversity in den Ingenieurwissenschaften nicht allein. Sie weiß sogar die EU-Kommission hinter sich. Denn diese hat im Zuge der Entwicklung des bald auslaufenden EuropĂ€ischen Forschungsrahmenprogramms Horizon 2020 das Konzept fĂŒr „Responsible Research and Innovation (RRI)“ ausgearbeitet. Auf einer eigenen Website werden die sechs normativen Richtlinien der RRI erlĂ€utert und Umsetzungsszenarien aufgezeigt: Ethik, Gleichstellung der Geschlechter, UnternehmensfĂŒhrung mit geteilter Verantwortung, freier Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, aktive Einbeziehung der BĂŒrger/-innen in Forschungs- und Entwicklungsprozesse und entsprechende Bildung, die sie hierzu in die Lage versetzt.

Der normativer Rahmen fĂŒr RRI: Ethik, Gleichberechtigung der Geschlechter, Regierung, offener Zugang, öffentliches Engagement und naturwissenschaftliche Ausbildung

Die Leitlinien des Resposible Research and Innovation-Konzepts (RRI), Quelle: RRI-Toolkit, rri-tools.eu

Ethik-GrundsÀtze des Vereins Deutscher Ingenieure

Doch auch auf deutscher Ebene hat die Professorin RĂŒckendeckung. Sie wirft die Ethischen GrundsĂ€tze des Ingenieurberufs des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) an die Wand, und es entsteht der Eindruck, dass manch eine/r staunt, als er oder sie dort liest, Ingenieure und Ingenieurinnen sollten nachhaltige Lösungen und sinnvolle Entwicklungen vorantreiben und sich ihres Handelns in technischer, gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Sicht bewusst sein. Sie sollten fach- und kulturĂŒbergreifend ĂŒber Wertevorstellungen diskutieren und sich zur stĂ€ndigen Weiterbildung verpflichten. Leicht-Scholten konstatiert nĂŒchtern: „Die Leitlinien zur sozialen Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren sind da; es kennt sie nur keiner.“ Daher ist es ihr Anliegen, diese in Ausbildung und Studium zu verankern.

Diverse Crash-Test Dummys

Hierbei ist der Professorin qua ihrer Denomination die BerĂŒcksichtigung diverser BedĂŒrfnisse an die Technikentwicklung besonders wichtig. Sie erlĂ€utert dies anhand des bekannten, aber sehr einleuchtenden Beispiels von Crash-Test Dummys. Die Position der Autogurte orientierte sich zunĂ€chst an einem 80 Kilogramm schwerer Durchschnitts Mann, und bot damit vielen, die dieser Norm nicht entsprachen, keinen Schutz, sondern war vielmehr gefĂ€hrlich (wie z.B. fĂŒr schwangere Frauen). Mittlerweile gibt es unterschiedliche Dummies, die die Proportionen von MĂ€nnern, Frauen und Kindern, kleinen und großen Menschen wiedergeben und dadurch zu mehr Sicherheit fĂŒr alle fĂŒhren. Ein Team aus diversen Entwickler/-innen hĂ€tte vielleicht eher ein Gurtsystem entwickelt, das verschiedenen KörpergrĂ¶ĂŸen, Geschlechtern und Proportionen angepasst ist, so die Gender- und Diversity-Expertin.

Lösungen durch Dialog

Ingenieur/-innen, die ihre Verantwortung in der Gesellschaft aktiv gestalten, sollten sich also fragen wer ihre Produkte anwenden wird. ZusĂ€tzlich könnten sie ihre Anwender/-innen fragen, welche WĂŒnsche sie an eine neue technische Entwicklung haben. Dies ist insbesondere bei den großen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Globalisierung, Klimawandel und Ressourcenknappheit, neue Arbeitsformen durch Digitalisierung oder weltweite Gesundheit, von Bedeutung. In anderen LĂ€ndern, wie den USA, ist man hier schon weiter, so Leicht-Scholten. Aber auch deutsche Unternehmen, die international agieren, haben sich dem Konzept der verantwortungsvollen Forschung und Technologie-Entwicklung verschrieben. „In meine Vorlesungen lade ich gerne  Personalverantwortliche großer international agierender Unternehmen ein“, berichtet die Professorin, „diese erklĂ€ren den Studierenden dann, welchen Mehrwert dies fĂŒr das Unternehmen hat: StĂ€rkung der GlaubwĂŒrdig- und InnovationsfĂ€higkeit sowie WettbewerbsfĂ€higkeit durch ein Alleinstellungsmerkmal. Umgekehrt ermuntert sie die angehenden Ingenieur/-innen, nach den Ethik-Regeln eines Unternehmens zu fragen, wenn sie sich dort bewerben.

Deutscher Ethik-Rat ohne Ingenieur/-innen

Noch hat auch die Politik Ingenieurinnen und Ingenieure offenbar nicht als potenzielle Ratgeber/-innen bei ethischen Fragen entdeckt. Und es bedarf gefĂŒhlt sieben Antworten der Studierenden auf die Frage, wer aus ihrer Sicht im Deutschen Ethikrat sitzen sollte, bis zuletzt eine Studentin auf die Idee kommt, dass ein Ingenieur oder eine Ingenieurin doch auch dazu gehören sollte. „Fehlanzeige“, löst Leicht-Scholten die aufgekommene Spannung auf, „bis heute sind dort noch keine Ingenieurinnen und Ingenieure vertreten“.

Carmen Leicht-Scholten war eine der Vortragenden der Ringvorlesung zur Technik- und Umweltethik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die sich im Sommersemester 2018 dem Thema „CO2-Entzug – Climate Engineering – Negativemissionen“ gewidmet hat. Weitere Informationen zu der von Professorin Dr. Katharina Seuser seit 2013 jĂ€hrlich organisierten Ringvorlesung finden Sie unter www.technik-umwelt-ethik.de.

/ske/dmi

Foto: dmi

Grafik: FundaciĂłn Bancaria „la Caixa“: RRI -Tools, European Project for Responsible Research and Innovation Toolkit. Online unter: https://www.rri-tools.eu/de

 

#F/LASH.BACK Feminismus und Gender Studies im Dialog

Eine aktuelle Vorlesungsreihe an der TU Dortmund widmet sich immer donnerstags der Frage nach einem neuen ‚Genderismus‘. Wie und wo sollten sich die Gender Studies in dem Diskurs um antifeministische mediale Berichterstattung und Ironisierung gendergerechter Sprache verorten? Es geht nicht um ein AufwĂ€rmen der 1970er-Jahre-Debatten, sondern um den lebensweltlichen Umgang mit neuen Diskriminierungen und altem Sexismus.

/kim