Ein Thema, zwei Zielgruppen

Ein Vergleich der Technikzeitschriften c’t und smartWoman von Anne Schiebener

SmartWoman ist die erste Technikzeitschrift auf dem deutschen Markt, die sich speziell an Frauen richtet. Jedoch hat diese Zeitschrift nicht viel mit klassischen Technikzeitschriften wie beispielsweise dem c’t magazin für computertechnik gemeinsam. Mit welchen Mitteln werden smartWoman-Leserinnen und die überwiegend männliche Leserschaft der c’t erreicht? Dieser Frage bin ich in meiner BA-Thesis im Studiengang Technikjournalismus/PR an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg nachgegangen.

Frauen lesen selten klassische Technikzeitschriften

Auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt gibt es 54 Frauenzeitschriften (Stand 2017). Die inhaltliche Themenpalette ist dabei meist sehr beschränkt und hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. „Pille ja oder nein, die Spargeldiät, mein Freund verlangt von mir xy, was soll ich machen.“ Bei diesem Zitat handelt es sich nicht um Schlagzeilen auf dem Titelblatt einer kürzlich erschienenen Frauenzeitschrift beim Kiosk um die Ecke. Tatsächlich steht das Zitat in einem Buch, das vor über 30 Jahren veröffentlicht wurde.

Frauenzeitschriften vermeiden Technikthemen

Im März 2016 ist eine neue Zeitschrift auf dem Markt erschienen. Dabei handelt es sich um eine Technikzeitschrift speziell für Frauen. Das Konzept der smartWoman ist bislang einzigartig in Deutschland. Während Technik früher nur etwas für Bastler, Programmierer und Nerds war, wird es heute verstärkt mit dem alltäglichen Nutzen in Verbindung gebracht. Beim Durchblättern der Zeitschrift fällt jedoch auf, dass die smartWoman kaum Gemeinsamkeiten mit klassischen Technikzeitschriften aufweist.

Etablierte Technikzeitschriften, erreichen eine zum Großteil männliche Leserschaft. Die Leserschaft der c’t beispielsweise besteht zu über 90 Prozent aus Lesern.

Inhaltsanalyse der smartWoman und c’t

In der Bachelorarbeit wurde erforscht, mit welchen inhaltlichen und formalen Mitteln die Technikzeitschriften c’t und smartWoman ihre Zielgruppen erreichen. Aus dieser Analyse lassen sich Erkenntnisse zu stereotypen Vermittlungsformen gewinnen.

Für die Durchführung der Inhaltsanalyse wurden jeweils fünf Hefte der smartWoman und fünf Hefte der c’t anhand eines Kategoriensystems analysiert und anschließend die Ergebnisse miteinander verglichen. Auf folgende Kategorien wurde dabei ein besonderes Augenmerk gelegt: Titelblatt, Fotos, Werbeanzeigen, Darstellungsformen, Aufhänger, Komplexität der Technikberichterstattung sowie Geschlechterstereotype.

Ergebnisse:

Technik

Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zeigen, dass die c’t ihre Zielgruppe mithilfe von drei Aspekten erreicht: Texte, Technik und Männer. Sowohl bei der Untersuchung des Titelblatts als auch bei der Textanalyse wird deutlich, dass der Fokus auf Texten liegt. Bilder nehmen einen untergeordneten Stellenwert ein. Diesen Punkt bestätigt ebenfalls Jürgen Rink, Chefredakteur der c’t. Er sagt, dass die Leserschaft der c’t an harten Fakten interessiert sei: „Denen ist lieber, dass wir viel Text und viele Informationen in das Heft packen, als dass wir ein lockeres und angenehmes Layout gestalten.“

Texte

Der zweite Aspekt ist das Thema Technik. Alle präsentierten Bilder und Texte haben einen eindeutigen Technikbezug. Das wird dem Kunden bereits bei der Betrachtung des Titelblattes deutlich. Darauf werden ausschließlich Technikthemen und Fotomontagen von technischen Produkten dargestellt. Ebenso haben die Branchen, die in der Zeitschrift Werbeanzeigen schalten, einen technischen Bezug.

Typen

Der dritte Aspekt sind die Männer. Auch wenn sich dieser Punkt nur unterschwellig in der c’t zeigt, zieht er sich dennoch durch die Zeitschrift. Die Leserschaft besteht zu über 90 Prozent aus Lesern. Ebenfalls werden über 90 Prozent der Artikel von Autoren geschrieben. In den Texten werden häufiger Männer als Frauen erwähnt und nur die männlichen Personen agieren in den untersuchten Artikeln als Zitatgeber. Es werden zwar kaum geschlechtsspezifische Stereotypen verwendet, trotzdem entsteht der Eindruck, als würde die c’t vorrangig von Männern für Männer geschrieben werden. Chefredakteur Jürgen Rink sieht ein Problem dabei eher in der Branche: „Mein Eindruck ist, dass es branchenspezifisch ist, dass die c’t von wenig Frauen gelesen wird, und nicht von einer genderspezifischen Sprache abhängt.“

smartWoman: Unterhaltende Themen, wenig Technik

Die smartWoman erreicht ihre Zielgruppe hingegen, indem sie die Frau und das Vergnügen in das Zentrum der Zeitschrift stellt und die Technik in den Hintergrund rückt. Präsentierte Themen auf dem Titelblatt und auch im Heft haben häufig nur einen nebensächlichen Technikbezug. Anja Deininger, Chefredakteurin der smartWoman, bestätigt dieses Ergebnis: „Wir stellen die Technik nicht in den Vordergrund.“ In den meisten Fällen wird ein Technikthema durch ein anderes Thema wie Freizeit oder Vergnügen eingeleitet, um einen Leseanreiz für die Leserinnen zu schaffen.

Es werden darüber hinaus überwiegend Frauen in den Texten erwähnt, die aber zum Teil mit stereotypen Adjektiven beschrieben werden. Auch geschlechtsspezifische Stereotype kommen in der smartWoman vor. Keine der erwähnten Frauen tritt als MINT-Rollenmodell in Erscheinung. Die Zielgruppe der smartWoman stellt eine Frau dar, die kaum Technikkenntnisse und -interessen hat.

Wie können Technikzeitschriften mehr Leserinnen erreichen?

  1. Aufhänger für Technikberichterstattung nutzen

Die Untersuchung hat gezeigt, dass die c’t nur vereinzelt Aufhänger für die Technikberichterstattung nutzt. In der smartWoman hingegen werden häufiger Aufhänger verwendet. Dadurch lässt sich vermuten, dass mehr Frauen die c’t lesen würden, wenn häufiger Aufhänger für die Technikberichterstattung genutzt werden. Einen geschlechterneutralen Aufhänger könnte das Thema Freizeit darstellen, welches in dieser Untersuchung sowohl in der c’t als auch der smartWoman verwendet wurde.

  1. Mehr Fotos von Personen abbilden

Artikel mit Bildern lösen einen stärkeren Leseanreiz für Frauen aus als Artikel ohne Bilder. In dieser Untersuchung hat die smartWoman mehr Bilder pro Artikel verwendet als die c’t. Außerdem können sich die Betrachter am besten mit den Fotos identifizieren, wenn Personen darauf abgebildet sind. Auch das kam bei der smartWoman häufiger vor. Es lässt sich vermuten, dass die c’t mehr weibliche Leserinnen erreichen würde, wenn die Zeitschrift mehr Fotos im Heft abbilden würde. Werden zudem Personen in Verbindung mit Technik gezeigt, kann der Betrachter auch eine Verbindung zur Technik aufbauen.

  1. Geschlechterneutral schreiben

In den untersuchten Texten der c’t werden mehr Männer als Frauen erwähnt. Die c’t könnte mehr weibliche Leserinnen erreichen, wenn sie genauso häufig auch über Frauen schreiben würde. Das sollte geschlechterneutral geschehen. Eine Berichterstattung über erfolgreiche Frauen im Bereich Technik könnte mehr weibliche Leserinnen erreichen und die vorhandenen Geschlechterstereotypen überwinden.

Fazit: Technikzeitschriften schreiben für Männer und Frauen unterschiedlich

Die Inhaltanalyse ist nur eine kleine Stichprobe und ist somit nicht flächendeckend repräsentativ für alle Technikzeitschriften. Trotzdem zeigt sie eine Tendenz des deutschen Technikzeitschriftenmarktes. Die Zeitschriften c’t und smartWoman erreichen ihre Zielgruppen mit unterschiedlichen Mitteln, obwohl es sich in beiden Fällen um Technikzeitschriften handelt. Das liegt einerseits am unterschiedlichen Wissensstand der Leserschaft. Die c’t richtet sich an ein Fachpublikum während die smartWoman für Laien in diesem Themengebiet schreibt. Die anderen Unterschiede lassen sich zum Großteil auf die beiden Geschlechter zurückführen. Daraus lässt sich ableiten, dass Redakteure von Technikzeitschriften für ein bestimmtes Geschlecht schreiben und bei den klassischen Technikzeitschriften ist das zumeist eine männliche Leserschaft.

Portrait von Maria Telkes, die bedeutende Erfindungen in der Solarenergie entwickelte und so den Titel „The Sun Queen“ erhielt.

Maria Telkes

The Sun Queen

22. April war der Tag der Erde – er steht für die Wertschätzung der natürlichen Umwelt und soll zum Überdenken des Konsumverhaltens anregen. „gender2technik“ möchte daher an Maria Telkes erinnern. Ihre Erfindungen machten die Energie der Sonne nutzbar und brachten ihr so den Titel „The Sun Queen“ ein. Sie erfand den ersten funktionierenden Solarofen, ein Heizungssystem betrieben mit Solarenergie und ein Solare Meerwasserentsalzung zur Gewinnung von Trinkwasser.

Telkes wurde am 12. Dezember 1900 in Budapest geboren. Schon vor ihrem Bachelor in der Physikalischen Chemie 1920 an der Universität in Budapest, interessierte sich Telkes für Solarenergie. 1924 promivierte Telkes, ebenfalls in der Physikalischen Chemie. Ein Jahr später emmigrierte sie in die USA um als Biophysikerin an der Cleverland Clinic Foundation zu arbeiten, wo sie an life-transformative energy forschte. Später, 1937 arbeitete und forschte sie bei Westinghouse Electric Corporation an der Energieumwandlung, im speziellen von der Umwandlung von Wäremeenergie zu elektrischer Energie.

1940 wechselte Telkes an das Massachusetts Institute of Technology, wo sie am Solarenergieumwandlungs Projekt arbeitete. 50 Jahre lang forschte Telkes an neuen Möglichkeiten Solarenergie zu nutzen. Maria Telkes und Architektin Eleanor Raymond entwickelten 1948 gemeinsam das erste mit Solarenergie beheizte Haus – das Drover Sun House.

Die Erneuerbaren Energien sind auch heute ein sehr beliebtes Berufsfeld. Durch den konkreten gesellschaftlichen Nutzen sind die technischen Berufe unter Frauen besonders beliebt. Eine Analyse des Wissenschaftsladen Bonn von 2014/15 zeigt, dass im Bereich der Erneuerbaren Energien vor allem technische Berufe wie Elektroniker/innen, Anlagenmechaniker/innen für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Mechatroniker/innen, Elektroanlagenmonteur/in und Mechaniker/innen gefragt sind.

Um Berufe in den erneuerbaren Energien auch Mädchen näher zu bringen hat der Wissenschaftsladen Bonn in Zusammenarbeit mit dem Game Studios the Good Evil und der Technischen Universität Dresden das Serious Game Serena entwickelt. Serena soll 13- bis 15-jährigen Mädchen auf spielerische Weise Wissen und Kompetenzen vermitteln.

Quellen:

Lemelson-Massachusetts Institute of Technology

Argentur für Erneuerbare Energien (7. März 2017): Erneuerbare Energien motivieren Frauen zu technischen Berufen

Analyse des Wissenschaftsladen Bonn (2015): Technische Ausbildungsberufe im Bereich Erneuerbare Energien

Serena Supergreen, Webseite des Serious Game

Foto: Dr. Maria Telkes New York World-Telegram and the Sun staff photographer – Library of Congress Prints and Photographs Division. New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection.

/dmi

Cathrin Fremuth, Diplom-Ingenieurin Maschinenbau, an ihrem Arbeitsplatz in der Maschinenhalle bei Varian Medical Services. Fotografiert von Hanna Diewald.

„An Technik fasziniert mich, dass …“

„An Technik fasziniert mich, dass sie das Leben nicht nur erleichtert, sondern es auch retten kann,“ erklärt Cathrin Fremuth, Maschinenbauingenieurin bei Varian Medical Systems. Sie und 13 weitere haben an einem Kalender Projekt des Studiengangs Technikjournalismus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg teilgenommen. Für das Projekt haben Studierende, Absolventinnen und Absolventen der Elektrotechnik und des Maschinenbaus von ihrer Technikfaszination erzählt und sich fotografieren lassen. Entstanden ist ein Kalender für 2017 mit 14 Fotos, bei dem Frauen und Männer gleichsam repräsentiert werden. Ziel des Projekts war es, die Motivation von Frauen und Männern, sich mit Technik zu beschäftigen, festzuhalten.

Der Kalender ist im Sommersemester 2016 unter der Leitung von Susanne Keil, Professorin für Journalistik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, dem Fotografen Eric Lichtenscheidt und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Frank Seidel entstanden.

Wer Interesse an einem oder mehreren Exemplaren hat, melde sich bitte per Email: susanne.keil@h-brs.de

berninghaus

Gib eine Beschriftung ein

/dmi

Titelbild:

Cathrin Fremuth, Maschinenbauingenieurin bei Varian Medical Systems, fotografiert von Hanna Diewald

Bild im Beitrag:

Patrick Berninghaus, Studierender der Elektrotechnik im 8. Semester, fotografiert von Freya Wolff

Traumfigur und schmale Taille?

Technikberichterstattung aus Männerperspektive

Wir haben uns ja mit diesem Blog vorgenommen, nicht nur über das Thema „Frauen und Männer und Technik“ zu informieren, sondern auch die Technikberichterstattung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ein Beispiel für einen aus meiner Sicht nicht gendergerechten Journalismus lieferte unlängst ein Student, der sich mit einer Reportage dem italienischen Motorroller Vespa gewidmet hat. Dieser kam 1946, also vor genau 70 Jahren auf den Markt. Hier der Teaser zu seinem Beitrag:

70 Jahre und noch immer eine Traumfigur. Mit schmaler Taille und wohlgeformtem Hintern zieht die Vespa auch heute noch viele Blicke auf sich. 2016 feiert sie ihren runden Geburtstag. Lernt man die Fahrer der zweirädrigen Wespe kennen, zeigt sich schnell, dass die alte Dame mehr kann als gut auszusehen: Sie verbindet Menschen.

Meine Nachfrage unter den Studentinnen und Studenten in der nächsten Redaktionssitzung ergab, dass dieser Texteinstieg bei den jungen Frauen und Männern gleichermaßen Anklang fand: Er würde wirklich dazu animieren, die Reportage zu lesen. Zugegeben: Vespa heißt im Italienischen und Lateinischen nun mal Wespe. Weibliche Namen für Fahrzeuge sind ja erst einmal nicht verkehrt. Und Maschinen in der Berichterstattung zu personalisieren, ist durchaus ein gängiges journalistisches Mittel, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Warum dann von einer Vespa nicht als 70-jährige alte Dame sprechen? Was meinen Unmut heraufbeschworen hat, war eher, dass die 70-Jährige eine „Traumfigur“ hat und aufgrund ihrer körperlichen Reize immer noch „viele Blicke“ auf sich zieht.

Wie sehr hier mit stereotypen (männlichen) Vorstellungen von Weiblichkeit gearbeitet wird, wird erst deutlich, wenn man ähnlich stereotyp gängige männliche Schönheitsideale verarbeitet. Stellen wir uns den inzwischen in die Jahre gekommenen Opel Senator vor (Produktionszeitraum 1978 bis 1993), heute noch als Gebrauchtwagen erhältlich. Ein vergleichbarer Teaser würde dann in etwa so lauten:

Fast 40 Jahre und noch immer eine Traumfigur. Mit breiten Schultern und knackigem Heck zieht der Senator auch heute noch viele Blicke auf sich. 2018 feiert er seinen runden Geburtstag. Spricht man mit den Fahrerinnen des vierrädrigen Oberklasse-Modells, zeigt sich schnell, dass der stattliche Mann im besten Alter mehr kann als gut auszusehen: Er geht auch heute noch aus jedem Wettbewerb als Sieger hervor.

ske